Vor 100 Jahren beging die NSDAP ihren ersten Reichsparteitag - in Weimar, ausgerechnet der Stadt, die 1919 der ersten Demokratie in Deutschland den Namen gegeben hatte. Den Parteitag nutzten die Nationalsozialisten als Propagandaveranstaltung mit uniformierten Aufmärschen, „Fahnenweihen“ und Gründung der Hitlerjugend. Auch der „deutsche Gruß“ wurde erstmals öffentlichkeitswirksam gezeigt. Zudem gab es zahlreiche gewalttätige Übergriffe gegen Andersdenkende.
Dass der Parteitag in Thüringen stattfand, war kein Zufall. Hier war das Verbot der NSDAP, Konsequenz des gescheiterten Münchner Hitler-Putsches vom November 1923, schon früher als in anderen Teilen Deutschlands aufgehoben worden. Und hier war 1924 - erstmals im Deutschen Reich - eine bürgerlich-konservative Landesregierung mit Tolerierung durch die NSDAP bzw. eine völkische Tarnliste ins Amt gewählt worden: Der erste Thüringer Schritt auf dem Weg in den Nationalsozialismus. Der zweite Schritt folgte 1930 mit der ersten Regierungsbeteiligung der NSDAP. Im Juli 1932 folgte der dritte Schritt: Erstmals führten die Nationalsozialisten eine Landesregierung in Deutschland an. Thüringen nahm damit eine Vorreiterrolle auf dem Weg in die Diktatur ein. Nicht umsonst bezeichneten die Nationalsozialisten das Land als ihren „Schutz- und Trutzgau“.
Warum die Nationalsozialisten in Thüringen früher erfolgreich waren als in anderen Ländern der Weimarer Republik und wie sie ihre Macht hier ausbauten, wird Stiftungsdirektor Wagner in seinem Vortrag verdeutlichen. Dabei wird er auch auf die Rolle des völkischen Denkens und die Zusammenarbeit bürgerlich-konservativer Parteien mit den Nationalsozialisten eingehen, die glaubten, die NSDAP in Thüringen durch Einbindung entzaubern zu können.